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Sarah Ahrens / www.werbefotografie-purple-queue.de
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Inge Hannemann

Armutsrisiko in Niedersachsen auf Rekordniveau

Trotz historischem Hoch bei der Zahl der Erwerbstätigen und der positiven Wirtschaftsentwicklung steigt das Armutsrisiko in Niedersachsen an. Das ergab der aktuelle Sozialbericht für Niedersachsen, den das Landesamt für Statistik am Mittwoch veröffentlicht hat. Demnach erhöhte sich die Armutsgefährdungsquote in 2016 um 0,1 Prozent auf 16 Prozent. Das ist ein Anstieg zum vierten Mal in Folge, mit Ausnahme des Jahres 2014, auf den bisher höchsten gemessenen Wert. Niedersachsen liegt damit über dem Bundesdurchschnitt, der bei 15,7 Prozent lag.

Die „Kluft“ zwischen deutschen und ausländischen Staatsangehörigkeiten hat sich seit 2011 vergrößert. So ist die Zahl des Armutsrisikos von Deutschen (13,5 Prozent) rückläufig, während Ausländer mit 43 Prozent dreimal so häufig gefährdet waren. Menschen mit Zuwanderungsgeschichte waren mit rund 31 Prozent zweieinhalb Mal so oft armutsgefährdet wie jene ohne Zuwanderungsgeschichte mit 12,2 Prozent, so das Landesamt. Als Gründe können sprachliche Hürden oder die fehlenden bzw. noch nicht erfolgte anerkannte Berufsausbildung genannt werden. 

Jede/r Fünfte prekär beschäftigt

Arbeit schützt nicht per se vor Armut. Das zeigt die Quote von 7,3 Prozent unter den Erwerbstätigen. Auch hier stieg die Quote seit 2011 um 4,7 Prozent an. Das Landesamt begründet dieses mit dem Anstieg der atypischen Beschäftigung (Teilzeit mit 20 oder weniger Stunden pro Woche, geringfügig, befristet oder Zeitarbeit). Mit 780.800 Menschen waren mehr als ein Fünftel aller Erwerbstätigen prekär beschäftigt. Von den armutsgefährdeten Erwerbstätigen waren, laut der Statistik, 37,4 Prozent atypisch beschäftigt. Dies ergibt eine Armutsgefährdungsquote von rund 14 Prozent. Mehr als die Hälfte der prekär Beschäftigten verdienten weniger als zwei Drittel des mittleren Lohn. Bei den Minijobbern sogar 84 Prozent. Insgesamt waren rund 4 Millionen in Arbeit. Das verfügbare Einkommen pro Kopf lag in Niedersachsen mit 20.823 Euro erheblich niedriger als der Bundesdurchschnitt von 21.518 Euro. Überdurchschnittlich hoch lag es in den Städten Hamburg und Bremen. Im Vergleich dazu ist der Reichenanteil von steuerpflichtigen Einkommen von mehr als 125 Tausend Euro weiter gestiegen und lag 2013 (unter Berücksichtigung der nur dreijährlichen Erfassung) bei 2,5 Prozent. Diese vereinigten zugleich rund 18 Prozent aller Einkünfte auf sich. 

Arbeiten, weil die Rente nicht reicht

Auch schützt Rente nicht per se vor Armut. Stockten vor zehn Jahren noch 37.200 RentnerInnen ihre Rente auf, so waren es in 2016 bereits 82.400. Damit hat sich die Zahl der arbeitenden Rentner im Alter von 66+ mehr als verdoppelt.

Kinder leben in Armut

Alarmierend sind die Zahlen von Armut gefährdet unter den Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Hier waren in Niedersachsen mehr als jede bzw. jeder fünfte junge Mensch (21,1 Prozent) von Armut gefährdet. In Niedersachsen leben 1,1 Millionen Familien (Eltern-Kind-Gemeinschaften) in einem Haushalt zusammen. Die Hälfte davon sind Haushalte mit einem Kind und zwei Kinder gab es in 37 Prozent aller Familien. Fast jeder zweite alleinerziehende Haushalt ist von Armut bedroht (45 Prozent). Der Anteil der alleinerziehenden Haushalte stieg seit 2011 bis 2016 kontinuierlich an. In 2016 gab es 260.800 Haushalte, was einem Anstieg um ein Viertel mehr bedeutet. 

Hartz IV ist Armut

Erwerbslosigkeit bedeutet ein sehr hohes Armutsrisiko. Mehr als jede/r zweite Erwerbslose war in 2016 von Armut bedroht (54,7 Prozent). Jeder zehnte junge Mensch unter 25 Jahren war arbeitslos gemeldet. Mit 10,5 Prozent lag Niedersachsen damit über dem Bundesdurchschnitt von 8,7 Prozent. Parallel stockten 110 Tausend Erwerbstätige ihren Lohn mit Arbeitslosengeld II (Hartz IV) auf. 

Wohnst Du noch, oder lebst Du?

Hohe Mietkosten belasten die Haushalte übermäßig. So ist die Nettokaltmiete mit Wohnungsnebenkosten im Durchschnitt im Zeitraum 2010 bis 2015 um 7,2 Prozent gestiegen, während der Gesamtindex der Verbraucherpreise um 6,5 Prozent stieg. Insbesondere sind die niedrigen Einkommen davon betroffen. Die Mietbelastung bei Haushalten mit einem Einkommen zwischen 1.100 Euro und 1.300 Euro lag bei rund einem Drittel des Einkommens (32,8 Prozent). Bei einem Einkommen zwischen 2.000 Euro und 3.200 Euro sank sie auf rund 20 Prozent. Bei Kindern im Haushalt musste rund ein Viertel vom Einkommen auf die Miete aufgebracht werden. Jeder fünfte Haushalt hatte nur bis zu 1.300 Euro netto zur Verfügung. Hier musste fast die Hälfte vom Einkommen auf die Miete verwendet werden. Nur 1,6 Prozent der MieterInnen erhielten Wohngeld, um die Mietkosten in Teilen aufzufangen. Damit lag Niedersachsen um 0,1 Prozent höher als der Bundesdurchschnitt. 

Zunahme von Pflege durch Angehörige

Pflegebedürftigkeit wird mehrheitlich von Angehörigen durchgeführt. Im Jahr 2015 waren in Niedersachsen rund 318 Tausend Menschen pflegebedürftig. Hier werden sieben von zehn Pflegebedürftige von Angehörigen versorgt und rund drei von zehn in vollstationären Heimen. Zu 2013 zeigt sich vor allem, dass die Pflege zu Hause zugenommen hat (+13,4 Prozent). 

Dazu sozialpolitische Sprecherin Inge Hannemann DIE LINKE. Lüneburg:

„Der neueste Sozialbericht Niedersachsens zeigt auf, dass uns die Armut über den Kopf wächst. Prekäre Beschäftigung, der ausufernde Niedriglohnsektor, die hohen Mietkosten und fehlende Armutskonzepte verschärfen die Lage immens. Statt mit Arbeitsmarktprogrammen den Niedriglohnsektor im Rahmen des Mindestlohns zu zementieren, muss der Mindestlohn auf über 12 Euro ansteigen. Aussitzen und Eigenlob der derzeitigen niedersächsischen Regierung untergräbt die brisante soziale Armutslage. Steigende Altersarmut, Verfestigung der Erwerbsarmut und Kinderarmut sind die Folgen. Wirkliche soziale Politik sieht anders aus.“

DIE LINKE. Lüneburg fordert ein nachhaltiges Armutskonzept, einen Mindestlohn von über 12 Euro, eine Mindestrente von 1.050 Euro und nachhaltige soziale Wohnraumkonzepte, um sich das Wohnen wieder leisten zu können. Weiterhin muss die sozio-kulturelle Teilhabe gesichert sein. Das ist nur mit einer sanktionsfreien Mindestsicherung in Höhe von 1.050 Euro gewährleistet. Für schulpflichtige Kinder muss die Lernmittelfreiheit endlich umgesetzt werden. Flächendeckende kostenlose Kinderbetreuung muss ebenso selbstverständlich sein, wie die finanzielle und entlastende, z.B. in Form von ausreichend teilstationären-  und vollstationären Plätzen für die Verhinderungspflege, Unterstützung von Pflegebedürftigen und deren Angehörigen.