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Kai Warneke

Kommentar: Gefährliche Keime in Bächen, Flüssen und Seen

Zunächst eine Anmerkung zu dem Begriff „Keime“. Den ersten Artikel zu den damals sogenannten „Hospitalismuskeimen“, habe ich Ende der 80ger Jahre im „Spiegel“ gelesen. Dort wurde schon damals davor gewarnt, wenn nicht stringent etwas gegen die Ausbreitung der Keime unternommen wird, bedeutet das in Zukunft einen milliardenschweren volkwirtschaftlichen Schaden und Tote!

Die Holländer haben mittlerweile das Risiko, an MRSA- Keimen zu erkranken durch Quarantäne-Aufnahme-Stationen fast auf Null gefahren. Mehrere Maßnahmen haben sie schon in den 80gern entwickelt und werden im Folgenden vorgestellt. Dem gegenüber stelle ich meine persönlichen Erfahrungen mit dem Umgang des Problems hierzulande an einigen Beispielen dar:

1. Isolieren

Alle Patienten in Holland, die zu Risikogruppen gehören (z.B. Schweinebauern oder Patienten, die in ausländischen Kliniken vorbehandelt wurden), werden strikt isoliert. Würde bedeuten, dass jede Menge Einzelzimmer mit entsprechender Nasszelle und Personal gebraucht wird, die die Isolierung überwachen.

Hier könnten sich Probleme mit verschiedenen Patientengruppen ergeben. So kann es z. B. schwierig werden, einem an Demenz erkrankten Patienten zu erklären, dass er sein Zimmer nicht verlassen darf. Zusätzlich muss darüber gewacht werden, dass der Patient in seinem Zimmer bleibt. Was ist mit MRSA infizierten an Demenz erkrankten Patienten, die ihr Zimmer verlassen oder verlassen wollen und nicht verstehen, wieso sie das nicht dürfen? Viele an Demenz Erkrankte sind auf Kontakt und menschliche Nähe angewiesen. Um den Anforderungen einer effizienten Isolierung (auch in Situationen mit besonderen Personengruppen) gerecht zu werden, wird sehr viel mehr Personal benötigt. Eine Lösung des Problems dürfte bei dem derzeitigen Pflegenotstand schwierig werden. Ob das Pflegepersonal „Zwischenfälle“ (z.B. Überlastungsanzeigen) dokumentiert (auch wenn eine personelle Überforderung aufgrund der hohen Patientenzahl in Relation zum Pflegepersonal besteht) und damit ihre eigene Zulassung gefährdet, ist eine Zumutung.

2. Aufspüren und Behandeln

In Holland wird konsequent bei den Aufnahmen ein umfangreiches Screening durchgeführt. Bei einem positiven Ergebnis wird dieses Screening auch nach der Entlassung im Rahmen einer Nachsorge bzw. Kontrolle aufrechterhalten.

1998 hatten wir in unserem Pflegedienst unseren ersten ambulanten Patienten, der mit MRSA infiziert war. Der Patient war infiziert aus dem Krankenhaus entlassen worden. Er sollte zu Hause von einem ambulanten Pflegedienst versorgt werden. Der Sohn des Patienten, gelernter Krankenpfleger (selbst am Arbeitsplatz infiziert), suchte händeringend einen Pflegedienst. Viele Pflegedienste lehnten die Versorgung ab; bis wir uns schließlich bereit erklärten, den Fall zu übernehmen.

Bei dem Versuch genauere Informationen zum Schutz unserer Mitarbeiter zu bekommen, hatte ich den Eindruck, dass auch das Gesundheitsamt mit der Situation überfordert war. Schließlich bekamen wir die Empfehlung für eine Schutzausrüstung, die das Maß unserer gebräuchlichen Ausrüstungen bei weitem übertraf. Die zuständige Kranken- und Pflegekasse lehnte die Übernahme der Kosten für genannte Schutzausrüstung mit der Begründung ab, dass erst bei Vorlage einer definitiven Aussage vom Gesundheitsamt über die Notwendigkeit dieser Ausrüstung eine Kostenübernahme erfolgen würde. Zu guter Letz blieb die Lösung des Problems und damit die Kosten an uns hängen. In dieser Situation standen wir einem völlig unvorbereiteten Gesundheitssystem gegenüber.

Um unsere Mitarbeiter nicht zu gefährden, übernahmen wir als Inhaber des Pflegedienstes die Versorgung vor Ort. Die für die Nachsorge notwendigen Abstriche wurden von einigen Hausärzten nur widerwillig durchgeführt, da auch die Krankenkassen nur mit sehr viel Widerstand bereit waren zu zahlen.

3. Geringerer Einsatz von Antibiotika

In der Ausbildung zum Krankenpfleger 1987 lernte ich (von autorisierten Ärzten), dass vor der Behandlung mit Antibiotika ein Antibiogramm (ein Antibiotika im Labor wird auf die Wirksamkeit gegen bestimmte Bakterien getestet) durchgeführt wird. In meiner Laufbahn als Krankenpfleger, aber auch als Patient, habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein Antibiogramm nur bei expliziter Forderung vorgenommen wird. Fallpauschalen und Kosten spielen hier mit Sicherheit eine wesentliche Rolle.

Um Zeit und Kosten für eine detaillierte Diagnostik zu sparen, werden häufig Breitbandantibiotika zum Nachteil der Gesundheit der Patienten eingesetzt:

  • Antibiotika sind nur bei der Bekämpfung von Bakterien wirksam. Eine fehlerhafte Diagnostik führt häufig dazu, dass Viruserkrankungen unwirksam mit Antibiotika behandelt werden.
  • Antibiotika bekämpfen ebenfalls die Bakterien in unserem Körper, die wir zum Leben benötigen und führen so zu einer Schwächung des Immunsystems und lassen weitere Resistenzen entstehen.
  • Breitbandantibiotika werden häufig auch gegen spezielle Bakterien eingesetzt. Nach dem Motto: irgendein Antibiotikum wird schon das richtige sein.
  • Nebenwirkungen und gesundheitsschädigende Folgen (z.B. Zerstörung der Darmflora, Ausbreitung von Pilzerkrankungen und schädigende Bakterien etc.) müssen wiederum medikamentös oftmals mit erneutem Einsatz von Antibiotika behandelt werden4. 4.

4. Kontrollmaßnahmen

In Holland sind alle mit der Gesundheit in Zusammenhang stehenden Einrichtungen vernetzt und arbeiten zusammen. Mitarbeiter*innen in den ambulanten wie auch stationären Bereichen unterliegen einer strengen Kontrolle.

Nach meiner Erfahrung werden das Problem, die Ursachen und die Folgen daraus in Deutschland nicht wirklich ernst genommen. Zuständigkeiten werden zwischen Ämtern und Behörden hin und her geschoben. Eindeutige Vorgehensweisen von Seiten der Politik lassen trotz 10.000er Todesfälle durch MRSA und MRGN jährlich auf sich warten. Dadurch verschleppt sich das Problem und gewinnt an Umfang.

So wurden in Deutschland bisher mit halbseidenen Aktionen, die nichts kosten dürfen, die Keime im wahrsten Sinne des Wortes verschleppt. War die Infektion durch MRSA vor Jahren ausschließlich ein Problem der Krankenhäuser, so haben sich Keime nun auch außerhalb ausgebreitet (Keime in Flüssen, Bächen und Seen). Durch den Jahrzehnte langen Personalmangel, die Fallpauschalen, die zu immer kürzeren Liegezeiten führen (Stichwort  Inkubationszeit: Die Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit), die wahllose Gabe von Antibiotika an Mensch (ohne Antibiogramm) und Tier (Massentierhaltung) haben die katastrophale Entwicklung und Ausbreitung von MRSA und MRGN befördert. Mittlerweile versagen sogar die sogenannten „Notfallantibiotika“.

Den einzigen Vorteil scheint die Pharmaindustrie aus der sich anbahnenden Katastrophe zu ziehen: teure Weiterbehandlungen mit Notfallantibiotika.

Kai Warneke (Mitglied im Vorstand KV DIE LINKE. Lüneburg)