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Thorben Peters

Kommentar zum Interview von Bürgermeister Dr. Scharf

Bürgermeister Dr. Scharf äußert sich in einem Rechtsradikalen Videoblog zur Lüneburger Erinnerungskultur. Der eigentliche Skandal ist hierbei nicht, dass er in dem Videoblog auftaucht. Der eigentliche Skandal ist, dass was er letztlich über die Erinnerungskultur äußert. So relativiert er die nachweislichen Verbrechen der Wehrmacht im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, romantisiert die Zwangsarbeit in der NS-Zeit und denunziert die Opferverbände.

Bürgermeister Dr. Scharf äußert sich in einem Rechtsradikalen Videoblog zur Lüneburger Erinnerungskultur. Der eigentliche Skandal ist hierbei nicht, dass er in dem Videoblog auftaucht. Der eigentliche Skandal ist, dass was er letztlich über die Erinnerungskultur äußert. So relativiert er die nachweislichen Verbrechen der Wehrmacht im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, romantisiert die Zwangsarbeit in der NS-Zeit und denunziert die Opferverbände. Kein Wunder also, dass er sich mit seinem rechtsradikalen Interviewpartner bestens versteht.

Hintergrund ist das schon länger andauernde Bestreben von Opferverbänden, Wissenschaft, Studierenden, DIE LINKE und weiteren antifaschistisch Aktiven unterschiedlichster Weltanschauung, welche die Gedenkkultur von ihrer ideologisch geprägten Glorifizierung der Wehrmachtssoldaten hin auf eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte zu ändern, so dass sie Lehren aus dem Krieg zieht, den Opfern gedenkt sowie vor Krieg und Faschismus mahnt. Im Zentrum steht hierbei der Gedenkstein der 110. Infanteriedivision, welche nachweislich an schweren Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung in Weißrussland beteiligt war. Dort werden vor allem die Täter mit zum Teil falschen historischen Fakten geehrt, die Opfer finden hingegen nur am Rande Erwähnung. Dabei bestand das Agieren der Soldaten aus „völkerrechtswidrige Kriegspraktiken“ welche zu „alltäglichen und systematisch praktizierten Handlungsmustern“ der Wehrmacht wurden, so die wissenschaftliche Stellungnahme von Dr. Rass (10.3.2017, Universität Oldenburg). Eine Stellungnahme die Herrn Scharf zu diesem Zeitpunkt bekannt war. Trotzdem spricht dieser von „freiwilligen Spezialkommandos“ als Randerscheinung der sonst sauberen Wehrmacht. Weiter heißt bei Dr. Rass:

„Jenseits der Rolle der 110. Infanteriedivision bei den hier angesprochenen Deportationen verbietet sich jedes heroisierende und unkritische Gedenken an Verbände der Wehrmacht bzw. an Kriegstote in deren Namen.“

Diese Einschätzung, welche von Opferverbänden, der Universität Lüneburg, uns sowie weiteren Aktiven in dieser Sache geteilt wird, bezeichnet der Bürgermeister Scharf im Namen der Stadt als „Dummheit“ und fügt gegenüber diesen nicht ohne Hass und in antidemokratischer Manier hinzu:

„Da geht einem das Messer in der Tasche auf.“ 

Zudem romantisiert er die Zwangsarbeit, indem er betont das Zwangsarbeiter bei seiner Familie auf dem Hof früher selbstverständlich am Tisch essen durften. Das verhöhnt alle Opfer dieser Verbrechen, denn immerhin geht es hier um die Versklavung von Kriegsgefangen und Deportierten, um die damalige deutsche Kriegswirtschaft zur Fortsetzung eines Vernichtungskrieges gegen den Osten aufrechtzuerhalten. Dass diese Zwangsarbeiter bei Zuwiderhandlung ein Schicksal im KZ erwartet hätten und auch viele Menschen misshandelt und ermordet wurden, lässt er hierbei unerwähnt. Dies ist nicht das erste Mal, dass sich Dr. Scharf in dieser Weise äußert. So hielt er im Rathaus eine Rede vor Überlebende des Kriegsverbrechens der 110 I.D. aus Weißrussland, welche vor einigen Monaten auf Einladung der VVN-BdA sowie der Universität zu Besuch in Lüneburg waren. Dort hielt Dr. Scharf eine Rede und lobte dabei einzelne Wehrmachtssoldaten bei der Vollziehung des Kriegsverbrechens, die gewisse empathische Züge zeigten. Zusätzliche rechnete er noch die russischen gegen die deutschen Verbrechen auf. Wohlgemerkt, das alles in Anwesenheit der weißrussischen Überlebenden des deutschen Massakers, welche von russischen Soldaten befreit wurden. 

Die Äußerungen von Bürgermeister Scharf offenbaren ein gefährliches Geschichtsbild, welches trotz der Kenntnis der wissenschaftlichen Fakten, darauf beharrt das Handeln der Wehrmacht und die damit verbundenen Kriegsverbrechen zu verharmlosen und das Agieren der Opferverbände sowie der Universität absichtsvoll zu denunzieren, statt gegen Krieg und Faschismus zu mahnen. Das tut er dabei ganz bewusst als Repräsentant dieser Stadt. Die einzige Reue, die er dabei bislang gezeigt hat, war durch eine sorgfältig abgestimmte Pressemitteilung der Stadt in der es heißt, dass das Video schon als „sehr unglücklich“ aufgefasst werden könnte. Vom Inhalt wird sich nicht distanziert. Nicht nur, dass Herr Scharf mit einem solchen agieren der Stadt schweren Schaden zufügt. Er öffnet damit jeder Form des Geschichtsrevisionismus und Hetze gegenüber Opfern der NS-Zeit Tür und Tor. So jemand ist als Bürgermeister offenkundig untragbar.

Thorben Peters, Mitglied im Kreisvorstand