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DIE LINKE Lüneburg

Widerstand in Auschwitz

Am 07. Oktober 1944 kam es durch Mitglieder des jüdischen „Sonderkommandos“, welche bei den Abläufen der Massenvernichtung helfen mussten, zu einem bewaffneten Aufstand. Weibliche Gefangene hatten Schießpulver aus einer Waffenfabrik eingeschmuggelt. Es gelang ihnen dort mehrere SS-Männer zu töten und das Krematorium IV teilweise zu zerstören.

Anschließend versuchten die Gefangenen eine Massenflucht. Alle 250 Flüchtigen wurden von den Bewachern kurz darauf gefasst und getötet. In der Folge wurden 451 Häftlinge ermordet, von denen nur ein geringer Anteil selbst aktiv beteiligt gewesen war. Keiner der Aufständischen hat überlebt.

Die vier Frauen, die das Schießpulver geschmuggelt hatten, waren: Ala Gertner, Rózia Robota, Regina Safirsztajn und Ester Wajcblum. Nach monatelanger Folter fand im Januar 1945 die „Hinrichtung“ durch Hängen, der vier Frauen, wenige Tage vor Auflösung des Lagers auf dem Appellplatz vor den Augen aller Häftlinge statt. Zeitzeug*innen berichteten über die vier Häftlinge, dass sie bis zuletzt moralisch ungebrochen waren. Ihr Aufstand und die damit verbundenen Verzögerungen in der Mordmaschinerie haben möglicherweise vielen Häftlingen das Leben gerettet, die sonst noch durch die SS vergast worden wären. Der 07. Oktober 1944, wird auch der „vergessene Aufstand“ genannt.

Was bis heute kaum jemand weiß – Es gab Widerstand in Auschwitz. Häftlinge – Jüd*innen und Nichtjüd*innen – waren als Widerstandskämpfer*innen in ihren Heimatländern aktiv. Manche sind deshalb ins KZ Auschwitz-Birkenau gekommen, manche sind dort zu Widerstandskämpfern geworden. Andere, die dazu keine Möglichkeit hatten, haben ihr späteres Leben dem Kampf gegen Antisemitismus und Intoleranz gewidmet. Ihr alltäglicher Mut und Widerstand gegen den Vernichtungswillen der Nazis findet im Erinnern zu wenig Berücksichtigung. Die Geschichte dieser Menschen ist ein Schatz der Erinnerung, der in seiner Vielfalt noch gehoben werden muss.

So etwa die Geschichte von Witold Pilecki: 1940 präsentierte Pilecki seinen Vorgesetzten des polnischen Heimatwiderstandes den Plan, sich ins KZ Auschwitz einschleusen zu lassen, aus dem Inneren Informationen über das Lager zu sammeln und den Widerstand der Insassen zu organisieren. Bisher wusste man wenig über die deutschen Aktivitäten im Lager, das man für ein Internierungslager oder ein großes Gefängnis hielt. Seine Vorgesetzten stimmten dem Plan zu und besorgten ihm einen falschen Pass. Am 19. September 1940 ging er freiwillig bei einer Razzia in Warschau auf die Straße und wurde zusammen mit 2.000 Zivilisten von den Deutschen gefangen genommen. Nach zwei Tagen der Folter in einer Baracke der Wehrmacht wurden die Überlebenden ins KZ Auschwitz deportiert.

Während er in Auschwitz in verschiedenen Kommandos arbeitete und eine Lungenentzündung überlebte, organisierte er im Untergrund die Vereinigung militärischer Organisationen. Zu den Aufgaben der Organisation gehörte die Verbesserung der Moral der Insassen, die Versorgung mit Nachrichten von außen, die Beschaffung zusätzlicher Nahrung und Kleidung für die Mitglieder, die Errichtung von Nachrichtennetzwerken und die Planung bewaffneter Aufstände. Ab März 1941 wurden Pileckis Berichte über die polnische Widerstandsbewegung zur britischen Regierung in London geschickt. Pilecki hoffte, dass entweder die Alliierten Waffen oder Truppen ins Lager bringen würden oder dass die Heimatarmee einen Angriff von außen organisieren würde. 1943 erkannte er jedoch, dass keine derartigen Pläne existierten. Die Berichte Pileckis bezeugten eine solche Grausamkeit der Nazis, dass ihnen die Alliierten keinen Glauben schenkten. In der Zwischenzeit verdoppelte die Gestapo ihre Bemühungen, Mitglieder des Widerstandes aufzuspüren. Pilecki entschied sich zur Flucht aus dem Lager, verbunden mit der Hoffnung, die Anführer der Heimatarmee persönlich davon zu überzeugen, dass ein Rettungsversuch eine Option sei. Später war er auch an der Organisierung des Aufstandes im Warschau Ghetto beteiligt.

Die Organisation von Widerstand in den Lagern war extrem schwierig. Dieser wurde durch viele Probleme behindert oder erheblich erschwert. Vor allem waren die Insassen dem Terror der SS ausgeliefert, der sie vor konkrete und psychologische Hindernisse stellte. Für die kleinsten Verfehlungen konnten sie zum Opfer von Folterungen und Mord werden. Ein weiteres Hindernis war die „kollektive Verantwortung der Häftlinge“, wodurch nicht nur derjenige bestraft wurde, welcher gegen die Regeln des Lagers verstoßen hatte, sondern zugleich alle anderen, auch wenn sie mit dem „Vergehen“ selbst gar nichts zu tun hatten. Das Lager war von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten und seine verschiedenen Teile waren voneinander räumlich oder durch Zäune getrennt. Die Gefangenen sprachen viele unterschiedliche Sprachen, was die Kommunikation unter ihnen erschwerte.

Die wichtigen Merkmale alltäglichen Widerstands waren Selbsthilfe und Selbstverteidigung; dazu gehörten das Verstecken von kranken Menschen, die Fälschung von Eintragungen in den Akten, um Kameraden vor dem Tod zu retten, die Hilfe für Neulinge, die Solidarität unter den Gefangenen usw. Für viele Häftlinge erfüllte auch geistlicher Widerstand eine wichtige Funktion, indem er ihnen durch heimliche Zusammenkünfte, die Einhaltung religiöser Bräuche und Pflichten oder das Verstecken von Schriften und Gedichten bei der Aufrechterhaltung persönlicher Würde und Selbstbehauptung half.

Der italienische Schriftsteller und Auschwitz-Überlebende Primo Levi schrieb über die begrenzten Widerstandsmöglichkeiten der KZ-Häftlinge:

Wenn wir auch Sklaven sind, bar allen Rechts, jedweder Beleidigung ausgesetzt und dem sicheren Tod verschrieben, so ist uns doch noch eine Möglichkeit geblieben, und die müssen wir, weil es die letzte ist, mit unserer ganzen Energie verteidigen: die Möglichkeit nämlich, unser Einverständnis zu versagen.

Der von den Überlebenden der Konzentrationslager ausgegebene Schwur – Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“ und das damit verbundene Versprechen, dafür zu sorgen, dass Auschwitz nie wieder sei – erlegen uns die Pflicht auf, aus der Geschichte zu lernen, zu verstehen und widerständig zu sein.

Wir müssen verstehen, wie es dazu kommen konnte. Zu einen Vernichtungskrieg und damit verbundenen Rassenwahn, der so viele zu Mördern machte und Millionen von Menschen zu Ermordeten. Wie es zu einer Kontinuität der Menschenverachtung kommen konnte, die bis heute zu brennende Flüchtlingsunterkünfte führt und in der AfD ihren Platz findet. Wie es dazu kommen konnte, dass diejenigen rehabilitiert wurden, die am Mord der Nazis profitierten und nach dem Krieg weiter profitierten.

Und wir müssen widerständig sein. Nicht nur damit das was einst war nicht mehr wird. Sondern gegen das kleine und große Übel unserer Tage. Überall dort, wo gegen Menschen gehetzt, ihnen ihre Würde genommen oder für Krieg getrommelt wird. Immer da wo das Menschenrecht mit Füßen getreten wird, müssen wir der Skrupellosigkeit und dem Egoismus unseren Mut, unsere Solidarität und unseren Widerstand entgegensetzen.

Die Tatsache, dass es an einem der grausamsten Orte der Menschheitsgeschichte Widerstand gab, ist ein Zeugnis dafür, das Widerstand immer möglich ist. Es zeigt, dass an einem der dunkelsten Orte, wo der Tod das Normale und das Überleben die Ausnahme ist, Hoffnung, Menschlichkeit und Solidarität existieren können. Es ist beispielgebend dafür, dass der Kampf für bessere Verhältnisse niemals vergebens war und immer richtig ist.